September 2000
Dieter und die Zeitmaschinen
BMW Z8 und Kawasaki W 650 machen aus dem Frühsechziger Dieter Quester einen Mittdreißiger.
 


Michael Stirner

Mobile Jungbrunnen auch für „alte Hasen“ wie Dieter Quester: der BMW Z8 und die Kawasaki W650

Eine verhängnisvolle Affäre: der 61jährige Dieter und die blutjunge Kawa

007-Hauptdarsteller: nicht Dieter Quester, sondern der BMW Z8

Bilder: Jürgen König

Die Enttäuschung ist ihm noch ins Gesicht geschrieben, als Dieter Quester am Tag nach seinem verpatzten Rennen auf dem A1-Ring zum vereinbarten Fototermin heranbraust. Sein italienischer Teampartner war – in aussichtsreicher zweiter Position liegend – von einem Konkurrenten auf unschöne Art von der Strecke befördert worden. Womit natürlich auch der immer noch erfolgshungrige Wiener zusammenpacken konnte.
Aber angesichts des Foto-Umfelds hellen die Gesichtszüge des – man möcht’s nicht glauben – 61jährigen rasch auf. Schließlich steckt im BMW ebenso wie in der Kawasaki in gutes Stück Tradition. Und prompt tauchen auch die ersten Erinnerungen auf: „Mein Vater hat einen BMW 507 gehabt – Baujahr 1958, mit Scheibenbremsen. Die konnte man damals nämlich als Mehrausstattung bestellen. Das war übrigens eines von ganz wenigen Autos bei uns zu Haus, mit denen ich nicht heimlich eine Runde gedreht habe.“

Die Assoziation mit dem Vorzeige-Bayern aus den fünfziger Jahren kommt nicht von ungefähr. Die Proportionen und etliche Stilelemente des mittlerweile schon klassischen Designs des Albrecht Graf Goertz sind auch im aktuellen BMW Z8 wiederzufinden. Freilich: die geniale Harmonie des 507ers sucht mancher heute vergeblich. Quester: „Mir gefällt er vom Bug bis zur Windschutzscheibe. Das Heck paßt nicht dazu, das war beim 507er ungleich schöner.“ Die Kritik verstummt jedoch, sobald es um die Technik des BMW-Juwels geht. „Der V8-Motor ist ein Gedicht – kultiviert und kraftvoll,“ und mit seinen geschmeidigen 293 kW (400 PS) offensichtlich auch potent genug für den leistungsverwöhnten Rennprofi. „Gleich viel übrigens hat ein Ferrari 360 Modena, aber bei dem ist die Spitze nicht elektronisch auf 250 km/h begrenzt…“

BMW hatte schon 1955 ein absolutes Hi-Tech-Produkt auf dem Markt, daß bestätigt heute jeder Oldtimer-Spezialist. Leichtmetall-Karosserie, zwei Doppel-Fallstromvergaser, Einzelradaufhängung vorn und eine präzise geführte Starrachse hinten – angesichts solcher Technik-Attribute lief damals jedem Kenner das Wasser im Mund zusammen.

Das ist heute beim Z8 nicht anders. Sonst wäre das Millionending wohl auch nicht als Bond-Bolide im jüngsten 007-Abenteuer „Die Welt ist nicht genug“ in Frage gekommen. Zwar fehlen dem käuflichen Z8 all die martialischen Kinkerlitzchen vom Raketenwerfer bis zum Maschinengewehr, aber auch die wahren Werte können sich sehen lassen: So verweisen die Bayern nicht ohne Stolz zum Beispiel auf Xenon-Technik für das Abblendlicht, auf Neon-Technik für Bremslicht und Blinker, auf eine hochintelligente Motorelektronik, die auf Tastendruck das Ansprechverhalten des sonst lammfrommen Triebwerks in wilde Wallung versetzt, aufs Fahrhilfsprogramm, das sogar schlimme Schnitzer des Chauffeurs ausbügelt und auf manches mehr bis zum Überdrüber-Autoradio mit Navigation, Telefon und CD-Wechsler.
„Perfekt“, kommentiert Dieter Quester Ausstattung und Verarbeitung und erinnert sich, während er versonnen im Sechsganggetriebe rührt, plötzlich an einen Schönheitsfehler des väterlichen 507ers: „Beim Schalten kam man oft gefährlich nahe an die unten am Armaturenbrett montierte Heizungshebelei. Und weil einem das leicht blutige Knöchel eintrug, fuhr mein Vater den BMW immer mit Handschuhen.“

Mittlerweile schweifen Dieters Blicke und Gedanken vom Auto ab und hinüber zur Maschine: „Ein nettes Radl,“ murmelt er und greift zu Helm und Handschuhen. „Optisch ziemlich englisch – aber außer Kickstarter gibt’s offensichtlich auch einen elektrischen.“ Auf Knopfdruck blubbert der Zweizylinder unter sanften Schwingungen los, und in den Augen des zum gemütlichen Harley-Reiters mutierten Racers beginnt es verdächtig zu flackern, während er den 1. Gang einlegt und losbraust. Ein paar Zaungäste trauen sich näher heran: „War das nicht der Quester? Kann denn der auch Motorrad fahren?“ Offensichtlich ist da ein Gutteil der Karriere des Wieners in Vergessenheit geraten: Er fuhr Motorradrennen, holte sich ungezählte Meistertitel im Motorboot-Rennsport und sammelte Siegpokale in so gut wie allen Automobil-Klassen. Die Ehrfurcht des Publikums ist groß, und als die Kawasaki wieder um die Ecke biegt, weicht man rundum still zurück.
„Echt lustig zu fahren,“ tönt es noch unterm Helm hervor „klingt auch super und ist trotzdem leise.“ Und schon werden Vergleiche zur Questerschen Harley gezogen: „Ich weiß schon, vom Fahrgestell eines modernen Sportbikes ist diese Maschine meilenweit entfernt, aber solche Schräglagen bin ich schon lange nicht mehr gefahren. Und die Bremserei ist auch ganz ok!“

BMW, NSU, Norton – das waren Dieters frühe Motorräder. Dann kam eine KTM fürs Gelände, bevor schließlich der US-Chopper in der Garage Einzug hielt – „für gelegentliche gemütliche Ausritte, denn schnell fahren kann ich bei den Rennen genug.“
Aber nicht einmal mit der sportiv verwandelten Retro-Kawasaki – Höckersitzbank, Alutank, Krickerllenker und Rücklicht sind aufpreispflichtige Stilelemente eines sogenannten Café-Racers aus den Sechzigern – hat der Komfort-verwöhnte Dieter Probleme. „Ich sitz sehr bequem, und handlich ist diese 650er…“
Tatsächlich kann – und will – Kawasakis konsequente Motorrad-Retrospektive gar nicht mit aktuellen Sportbikes mithalten. Rahmen, Federung und Bereifung orientieren sich präzise an den klassischen Vorbildern, und schon ein paar Kilometer mit jedem anderen neuen Motorrad zeigen auf, welche Riesenschritte die Technik innerhalb der vergangenen dreißig, vierzig Jahre gemacht hat.

Was die Kawasaki W 650 hingegen perfekt kann: Sie ruft Erinnerungen wach und sie breitet gnädig den Mantel des Vergessens über all die unangenehmen Nebenerscheinungen, die früher untrennbar mit dem Motorradfahren verbunden waren. Die Japanerin verliert keinen Tropfen Öl, springt auf den ersten Tritt (oder auf Knopfdruck) an, vibriert nicht jeden Tag ein anderes Lamperl durch, wird wirklich langsamer, wenn man die Bremse zieht und begnügt sich mit knappster Wartung. Fünf Stunden fahren, fünfzehn Stunden schrauben – das war einmal, aber das macht für manche Unverdrossene wohl auch heute noch den Reiz des Alteisens aus. Nur: an diese Klientel wendet sich die junge Alte gar nicht. Eine W 650 kauft sich am besten jener, der von Triumph, BSA, Matchless oder Norton träumt – und unbeschwert weiterträumen möchte.

Z8-Webshow auf der BMW-Homepage
Details zur W 650 auf der Kawasaki-Homepage

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